Wer bist Du?

Ich kenne Dich schon lange Jahre,
als Kind saß ich auf Deinem Schoß.
Doch derzeit machst Du mir graue Haare,
ich frage mich, was treibt der bloß?

Wegen Dir streite ich laut mit Freunden,
und frage mich, ob sich das lohnt.
Ich kann und will Dich nicht verleumden,
doch frag ich mich, wer wirklich in Deiner Seele wohnt.

Du hast mir Hilfe oft gegeben,
auch Ärger hab ich viel gefühlt.
Doch wär’ ich nicht, wo ich steh im Leben,
hättest Du nicht meine Not gespürt.

Du hast mich niemals aufgeben,
auch als ich stur und bockig war.
Du hast mir geschenkt ein neues Leben,
mit meiner Familie noch so manches Jahr!

Ich weiß, als Vater bist Du einfach toll,
denn Deine Kinder kenn ich lange.
Auch nehm’ ich Deine Frau für voll,
die niemals hätt’ gelebt mit einer Schlange.

Auch als Lehrer hatt’ ich das Vergnügen,
und weiß daher um Deine Schwächen.
Ich müsste wirklich übelst lügen,
wenn ich sagen würd’, das war zum Lächeln.

Von daher glaube ich, wenn man mir sagt,
dass Du kein guter Vorgesetzter bist,
dass unter Dir so mancher mal verzagt,
dass man unter Dir viel Ärger frisst.

Doch müssen sie deshalb gleich ätzen,
dass Du kein netter Mensch sein kannst?
Können sie nicht klüger schwätzen,
oder seh’ ich da was nicht auf der Hand?

Bin mit Blindheit ich geschlagen,
weil ich Dich nun so lang schon kenne?
Ich wünscht, ich säh Dich dieser Tage,
um rauszukommen, aus dieser Klemme.

Bisher war meine Menschenkenntnis gut,
deshalb glaub ich, dass mehr dahinter steckt.
Ich ziehe vor Deiner zweiten Ehe meinen Hut,
die bei den Spießern hier aneckt.

Seit Monaten tuscheln sie und hetzen,
zerreißen sich das Maul vor Neid.
Wollen sie nun wieder Dich verletzen,
und zählt das mehr, als ihr echtes Leid?

© M. Gernhardt

Rheinland, 24.04.2010

Für einen Mann, den ich seit meiner Kindheit kenne und schätze. Niemand ist nur schlecht. Ich glaube unbesehen, dass er als Vorgesetzter schwierig ist, aber ihm in Bausch und Bogen jegliche Menschlichkeit abzusprechen, geht zu weit. Da glaube ich ernsthaft, dass für einige seine zweite, etwas ungewöhnliche, Eheschließung bei ihrer Beurteilung eine Rolle spielt.

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